Freiheitspreis der Irren-Offensive: Rede von Thomas Saschenbrecker

Lieber Prof. Narr, Lieber René, Lieber Uwe, ich darf mich ganz herzlich bei allen für den Preis bedanken. Meine Damen und Herren, ich bin mir durchaus bewußt, dass hinter diesem Preis Menschen stehen, Menschen, die vielleicht nicht so sehr im Rampenlicht unserer erfolgsorientierten Gesellschaft stehen, weil sie vielleicht "anders" sind, weil sie "merkwürdig" sind, weil sie "irre" sind, weil sie gesellschaftlich nicht konform sind, weil sie "verrückt" sind. Justiz, aber auch die Medizin, haben dies jahrzehntelang zum Anlaß genommen, diese Menschen als "krank", als "psychisch krank" zu diagnostizieren, und in der Konsequenz der Diagnose eine Vernunftshoheit über diese Menschen walten zu lassen, die "Heilung" bringen sollte.

Ob die jeweiligen Menschen das anders wollten, ob sie ihr Anderssein wollten, ob sie "verrückt", ob sie "irre" sein wollten, das hat überhaupt keinen interessiert. Das mußte ganz einfach so sein, da mußte Vernunft her, da mußten Gerichtsbeschlüsse her, da mußte ein Vormundschaftsgericht geschaffen werden, da mußten medizinische Sachverständigengutachten eingeholt werden. Und wenn diese medizinischen Sachverständigengutachten in unendlicher Vernunft zu dem Ergebnis kommen, da ist ein "psychisch Kranker", dann muß eben auch über diesen "psychisch Kranken" bestimmt werden.

Der "psychisch Kranke" oder den, den wir für einen "psychisch Kranken" halten, ist anders, er ist fremd, "irre", "verrückt", vielleicht auch irgendwie etwas ganz seltsames für uns, mit dem wir gar nicht so richtig zurecht kommen; er funktioniert nicht so, wie unserer Gesellschaft es so von ihm verlangt - und damit wird er "hilfsbedürftig". Jeder, der in der Gesellschaft nicht das darstellt, was vielleicht sein sollte, dem muß man helfen. Der Gesetzgeber macht sich es da einfach. Er leitet das aus dem Sozialstaatsprinzip her: wir haben eine Fürsorgepflicht, wir müssen uns um die Menschen kümmern. Dass diese Menschen eventuell. anders sein wollen, wie bereits gesagt, das spielt überhaupt keine Rolle, es wird einfach eine Pflicht abgeleitet, dem "psychisch Kranken" dann auch zu helfen. Und das auf eine Art und Weise von objektiver Vernunftshoheit, die mit Individualität, mit tatsächlichem Verrücktsein wenig zu tun hat.

In diesem Sinn sehe ich den Preis durchaus auch als Aufgabe, weiter zu machen, weiter zu machen mit dem, was wir erreicht haben. Ganz einfach schauen, was vor 5 Jahren war: wenn jemand "psychisch krank" war, dann hatte man darüber geredet, wie macht man das am besten, wie sucht man vielleicht mal einen Patientenanwalt; dieser Patientenanwalt vermittelt dann, ob wir die medizinische Verordnung ihm nicht irgendwie halb dosieren können, ob wir die medizinische Verordnung nicht irgendwie ein bißchen absetzen können.

Jetzt ist es anders. Der "psychisch Kranke", der für "psychisch Krank", für anders, für "verrückt", für "irre" gehalten wird, der hat durchaus Rechte. Er hat dieselben Grundrechte. Es gibt jetzt in der Justiz, auch in der Rechtsprechung, die Begriffe des "Rechts auf Krankheit". Es gibt den Begriff des staatlichen Zwangs, der nicht unbedingt über jeden walten darf. Viele "psychisch Kranke" haben das, was vor 5 Jahren oder vor 10 Jahren noch gewesen ist: diese unheimliche Gewalt, die da eingewirkt hat, ganz einfach jemand zu zwingen, Medikamente zu nehmen, jemand zu fixieren, jemand einzusperren, die haben es als sehr traumatisch, als sehr verletzend empfunden, und haben tatsächlich auch eine Rolle als Opfer eingenommen. Diese Opferrolle, die muß es heute nicht mehr geben, denn es gibt ganz einfach Grundrechte und die Grundrechte, auch eine medizinische Behandlung abzulehnen, auch das Anderssein sein, ganz einfach das für sich zu beanspruchen, die setzen sich auch in dem Bereich immer mehr durch.

Und dafür hat natürlich auch die "Irre"n-Offensive einen ganz, ganz riesigen Beitrag geleistet, indem sie nicht nachgegeben hat, indem sie vielleicht die äußere Grenze so ein bißchen einnimmt, auch heute noch, die äußere Grenzen im Sinne, dass sie sagt: man kann sich das nicht gefallen lassen, aber andererseits auch Rechte tatsächlich durchgesetzt hat und diese Rechte konsequent immer durchgesetzt hat ohne Konsense einzugehen - dahingehend, daß man ein bißchen Zwang vielleicht annimmt und im übrigen vielleicht da darüber redet, ob man dieses "bißchen" Zwang in eine dann sich geprägte Vernunft umwandeln kann.

Genau das ist eben nicht mehr der Fall. Anders sein, "irre" sein, "verrückt" sein, ist heutzutage ganz einfach gesellschaftlich beständig und hat auch rechtlichen Bestand. Auch der sogenannte "psychisch Kranke", dem diese Diagnose irgendwann einmal durch ein unsägliches Gutachten aufgezwungen wurde, auch der kann durchaus Grundrechte, kann alle Grundrechte genauso inzwischen sicherlich für sich beanspruchen. In diese Richtung und mit diesem Ziel, denke ich, sollte man ganz einfach weiter machen.


Gesendet am 08.12.2005 im Dissidentenfunk (www.dissidentenfunk.de)

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